Saigon

20120109.121836.IMG_1679Der Name allein weckt Bilder von mystischen Tempeln, der wenig ruhmreichen “Intervention” der USA im Vietnam und unzähligen Motorrollern. Zumindest von letzterem ist der Alltag tatsächlich geprägt. Mystische Tempel haben den Platz geräumt für gläserne Hochhäuser und Luxusappartements und von dem Krieg ist in der Stadt selbst (glücklicherweise) nichts übrig geblieben. Saigon ist heute eine moderne Großstadt, an vielen Ecken schimmert ein wenig Bangkok durch, an manchen Hong Kong, doch die Vietnamesen machen Saigon zu Saigon.

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Der so legendäre Verkehr, bei dem es die ultimative Herausforderung sein soll, regelmäßigen Schrittes durch Hunderte von Motorrollern, Autos und deren Gehupe und Gestank eine große Straße zu überqueren, war geradezu Handzahm im Vergleich mit manch einer indischen Straße. Und der Weg, mitten hindurch sämtliche Fahrzeuge, die mit 40 km/h einen kleinen aber vorhandenen Bogen um einen machen, ist nicht die ultimative Herausforderung, sondern der einzige Weg über die Straße zu kommen.

Touristische Sehenswürdigkeiten hat Saigon nur begrenzt, die kleinen Tempel finden sich in kleinen Gassen, aber man muss sie suchen. Das War Remanants Museum, welches über den Vietnamkrieg und seine Folgen aufklären soll, vermischt die so notwendige “andere Seite der Geschichte” – mal nicht die amerikanische Sicht der Dinge – mit plumper kommunistischer Propaganda: die westlichen Protestbewegungen gegen den “Aggressionskrieg der USA” in Südostasien werden gedeutet als aktive “Unterstützung der Arbeitervölker der ganzen Welt für die Befreiung Vietnams”. Alle Poster des “großen deutschen Volkes” stammen aus der DDR. Leider fällt es schwer, neben solch unfreiwillig witzig wirkender Propaganda, andere, validere Punkte ernst zu nehmen: Die langfristigen Folgen des Einsatzes von Napalm, Entlaubungsmitteln und Giftgasen werden nicht sauber erklärt und (soweit beurteilbar) nicht wissenschaftlich aufgearbeitet – zumindest die Behauptung, dass die Kriegsverbrechen der Amerikaner zu Morbus Recklinghausen geführt hätten, darf durchaus kritisch beäugt werden.

Im Reunification Palace, dem ehemaligen Sitz der südvietnamesischen Regierung, ist seit 1975 am Tag des Einmarschs der kommunistischen Truppen nichts mehr getan worden: der Sechzigerjahrebau steht mit der gleichen Einrichtung dar, und scheint weitgehend unangetastet zu warten, nur auf was?

Überall gibt es tolles Essen, die vietnamesische Küche ist natürlich in erster Linie asiatisch, doch im gehobenen Bereich spielen französische Einflüsse eine große Rolle, von den bereits erwähnten Baguettes ist hier franko-vietnamesische Fusion total in. Doch Restaurants sind nur ein Teil der Wahrheit, die andere Hälfte sind die unzähligen Kneipen, gefüllt mit Urlaubern auf dem Weg an oder von der Küste. Hiervon sind ein nicht ganz unerheblicher Anteil allein reisende Männer, die sich erstaunlich ausgiebig mit aufreizend angezogenen einheimischen Frauen unterhalten… bei diesem Klientel ist es kein Wunder, dass sich Einheimische richtig freuen, wenn sie mitbekommen, dass man sich auch mal ein Tourist tatsächlich für mehr interessiert als Vietnams Strände und Frauen: ein strahlendes Gesicht und viel Hilfe sind die Belohnung für nichts anderes als ehrliche Neugier.

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